Über das Schwarz Weiß Denken
Neulich hörte ich eine Podcastfolge der Kaulitz Brüder, in welcher Bill über sein Detox Retreat in Österreich sprach und Tom ihn als „Dinkel Dörte“ bezeichnete. Bill wehrte sich vehement dagegen und sagte, dass er bald wieder der alte sei und mit einem Glas Champagner und Zigarette in der Hand am Pool in seinem Zuhause in LA sitzen werde.
Und da wurde mir etwas bewusst. Denn ich dachte mir -hmm ich bin auch so eine Dinkel Dörte, aber gleichzeitig bin ich auch der glamouröse Bill. Und warum kann ich nicht beides sein?
Mir wurde klar, wie viel ich eigentlich bin und wie sehr ich mich in den letzten Jahren, ja eigentlich schon mein ganzes Leben, versucht habe, in irgendeine Schublade zu stecken und zu denken- wenn ich erstmal in der richtigen Schublade angekommen bin, dann wird alles gut.
Aber gibt es die richtige Schublade denn überhaupt? Zumindest nicht für mich, so viel ist klar.
Denn ich gehöre keiner einzelnen Schublade an, ich würde mich eher als komplette Kommode bezeichnen.
Schon immer tanzte ich auf mehreren Hochzeiten und genoss dies auch für den Moment. Doch trotzdem war da dieses konstante Gefühl irgendwie falsch zu sein, nirgendwo zuzugehören. „Ich muss doch irgendwer bestimmtes sein und eine Nische finden in die ich passe“ dachte ich.
Ich strebte danach, jedem gefallen zu wollen und das tat ich auch für eine Weile. Denn ich passte mich an und tat so, als wäre ich ganz bestimmte Personen. Aber irgendwie war ich alle diese Personen zur gleichen Zeit.
Und warum sollte es falsch sein, viel zu sein? Vielleicht ist es ja genau das, was mich ausmacht- Viel.
Ich erinnere mich an die Szene in Alice im Wunderland, in welcher der verrückte Hutmacher zu Alice sagt:
„You were much more…muchier. You’ve lost your muchness.“
Was so viel heißt wie: „Du warst mal viel mehr, du hast deine Vielheit verloren.“
Vielleicht ist es ja etwas besonderes „Viel“ zu sein, dachte ich in dem Moment, als ich Johnny Depp diese Worte sagen hörte.
Wie oft habe ich mich dafür verurteilt zu viel zu sein, zu laut zu sein, zu viele Dinge gleichzeitig zu mögen, zu bubbly zu sein, zu weltoffen, zu träumerisch, zu fantasievoll, zu naiv und so weiter. Doch nur weil ich im Außen diesbezüglich auf wenig Resonanz traf, heißt es doch nicht, dass es falsch ist. Es ist halt etwas anders als die Norm. Oder ist die Norm eigentlich auch verrückt und passt sich ebenfalls nur an?
Was für eine Welt wäre es, wenn wir alle den Mut hätten, genau der Mensch zu sein, der wir tief in uns sein möchten? Und dabei ist es ganz egal, ob es nur eine Version oder zehn sind.
Denn ich bin die Dinkel Dörte, die Glamour Gaby und noch vieles mehr. Ich kann alles sein und das ist völlig ok.
Ich ernähre mich gesund, achte auf Bio Qualität und das Wohl der Tiere.
Und trotzdem BIN ich nicht die Bio Bärbel, sondern gönne mir auch die olle Pommes vom Imbiss nebenan und genieße immer mal wieder ein Fischfilet am Meer.
Oft stehe ich in aller Früh auf, um bei Sonnenaufgang surfen zu gehen und doch BIN ich keine Sportmaus, sondern gehe auch bis zum Morgengrauen tanzen um danach betrunken nachhause zu stapfen.
Ich liebe es wochenlang mit meinem Hund durch die Wildnis zu ziehen, im Auto zu übernachten, und mit Dreck unter den Fingernägeln mein Essen auf einer Herdplatte zu kochen, die langsam im matschigen Boden versinkt. Und trotzdem BIN ich nicht das Outdoor Chick.
Denn genauso liebe ich es, mich schick zu machen und mit frisch lackierten Nägeln, gestylten Haaren und Glitzerkleid stilvoll Essen zu gehen und eine schicke Party zu besuchen.
Ich bin Autorin, Barista, Coachin und Künstlerin und ich darf alles davon und noch mehr sein.
Ich date Männer die mal zehn Jahre jünger und mal zehn Jahre älter sind als ich, mal blond, mal rot mal schwarz, mal ohne und mal mit Job und mal klein mal groß.
Ich liebe die Spiritualität, glaube an die Kraft des Universums und doch BIN ich keine Esoterikerin sondern gleichzeitig auch der Wissenschaft zugewandt.
Ich bin Extro- sowie Introvertiert. Ich liebe es unter Menschen zu sein doch brauche gleichermaßen auch meine Ruhe und ziehe aus beiden meine Kraft.
Ich liebe den Rausch und die Nüchternheit, den Tag und die Nacht, den Mond und die Sonne, das Süße und das Salzige- doch ist nicht das was dazwischenliegt eigentlich das schönste? Das friedliche Zusammenspiel aus mehreren Komponenten, wie ein sanftes Orchester an Möglichkeiten und Existenzen.
So lange dachte ich, etwas ist entweder schwarz oder weiß. Was auch ein sehr typisch deutsches Denken ist, gerade wenn man- so wie ich- bei den Großeltern aufgewachsen ist, die sehr konservativ sind- wer kann’s ihnen verübeln.
Aber die Welt ist nicht schwarz oder weiß- sie ist kunterbunt und wir müssen nicht das eine oder andere sein, sondern können auch alles gleichzeitig sein.
Kommt nicht alles auf die Balance drauf an? Nicht zu viel von dem einen und nicht zu viel von dem anderen.
Doch um Sicherheit zu kreieren versuchen wir die Welt in Schwarz und Weiß zu teilen, denn bunt wäre ja zu instabil, was ja auch irgendwie verständlich ist. Aber wo bleibt bei dieser ganzen Sicherheit die Freude daran, wirklich das zu tun, worauf wir Lust haben, ohne darüber nachzudenken, ob es gesellschaftlich richtig oder falsch ist?
Und wenn jemand damit nicht klarkommt, dann ist es nicht weil ICH falsch bin, sondern weil WIR nicht zusammenpassen.
Und vielleicht komme ich nun endlich an, in meiner Muchness. In einem bunten Raum als Kommode mit vielen kleinen Schubladen, in derer sich viele kleine Leben tummeln von dem jedes einzelne seinen Platz auf dieser Welt hat.
